2010
KatholikInnen treten in Massen aus
Der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche bringt offenbar nie gekannte Massenaustritte. Das legen Medienberichte und erste Zahle nahe, die freidenkerbund.at vorliegen.
"Gläubige flüchten" titelt der Standard seinen Artikel über die Welle an Austritten, die die katholische Kirche in Österreich schwerer erschüttern könnte als der Missbrauchsskandal. Noch schlimmer sei es als die Reaktionen der KatholikInnen auf die Beinahe- und dann wieder Doch-Nicht-Bischofsweihe des oberösterreichischen Fundis Gerhard Maria Wagner.
Ähnlich sieht es der Betreiber von kirchenaustritt.at, Österreichs ausführlichster Info-Plattform zum Thema. "Am Donnerstag hatte ich fast 3.300 Unique Visitors auf meiner Seite", schildert der Student. Am Mittwoch waren es knappe 3.000. Seit Montag hätten sich die Zugriffe auf seine Seite vervielfacht, sagt er. "Am Montag hatte ich noch 711 Visitors, da hat sich erst langsam das Ausmaß des Skandals gezeigt."
Im Vorjahr hatte kirchenaustritt.at einen Schnitt von etwas mehr als 200 Besuchern pro Tag. "Und da waren die Zugriffe nach der Diskussion um Gerhard Maria Wagner schon dabei. Die waren allerdings nicht halb so hoch wie in den vergangenen Tagen". Seit Montag dürften mehr als 10.000 BesucherInnen die Austrittsformulare heruntergeladen haben, die Max auf seiner Seite bereitstellt. Auch das ein Rekordwert.
Das lässt es wahrscheinlich erscheinen, dass heuer mehr als 53.000 Menschen aus der katholischen Kirche austreten werden. So viele waren es im Vorjahr - damals ein Rekord. Erstmals seit Ende 2009 sind weniger als zwei Drittel der ÖsterreicherInnen katholisch. Ein Vorgang, der die Einrichtung vor allem finanziell empfindlich getroffen hat. 2010 dürfte es noch schlimmer werden.
Sogar Freidenker-Vorsitzender Theo Maier zeigt sich etwas überrascht über das Ausmaß der Austrittswelle. "Die offenkundigen Fehler der katholischen Kirche, die jahrzehntelange Kultur des Vertuschens und der Angst erreichen mehr als wir in jahrelanger Aufklärungsarbeit jemals leisten könnten." Skandal und Austrittswelle würden die Privilegien von Religionsgemeinschaften, vor allem der katholischen Kirche massiv infrage stellen. Das sieht Niko Alm von der Giordano-Bruno-Stiftung in Österreich ähnlich. In einer gemeinsamen Aussendung der atheistischen und humanistischen Vereine am Freitag kritisierte er vor allem die Stellung der konfessionellen Privatschulen.
Im Freidenkerbund zeigt man sich überzeugt, dass die Kirche bald nicht nur mit den Austritten zu kämpfen haben wird. "Viele Menschen treten aus, weil sie die Kirche nicht mit ihren Kirchenbeiträgen unterstützen wollen. Wenn ihnen bewusst wird, dass die Religionsgesellschaften jährlich mit 1,5 Milliarden Euro unterstützt werden, das heißt auch von Konfessionsfreien, wird auch das bald Thema einer breiten Debatte sein".
