2010
Die Geister, die sie riefen
Schönborn solle "sich besser um warme Brüder, Klosterschwuchteln und Kinderschänder kümmern, statt eine 10-fache Mutter verbal anzugreifen, die ihre Kinder behütet, beschützt und zu anständigen Menschen erzogen hat." Werner Königshofer, FPÖ-Hinterbänkler im Nationalrat lässt es an Deutlichkeit kaum mangeln. Schönborn hatte seinen Zorn auf sich gezogen, als er Barbara Rosenkranz deutlich kritisierte. Er "soll sich ein bissl zurückhalten und über Dinge in seinem Bereich nachdenken und sich nicht dort einmischen", schreibt Königshofer in seinem Offenen Brief, der unter anderem der Onlineausgabe des Standard vorliegt.
Königshofer pocht auf die "Trennung von Staat und Kirche". Wobei er wenige Zeilen davor schreibt: "Als Katholik halte ich Ihre Einmischung in den angehenden Bundespräsidentenwahlkampf nicht nur für unzulässig sondern auch für peinlich und beschämend." Es scheint schwer zu sein, sich zu entscheiden, auf welcher Seite der Trennlinie zwischen Kirche und Politik man gerade steht.
Abgesehen von der indiskutablen Beschimpfung Homosexueller ist es gerade für einen Freidenker nicht einfach, solche Vorgänge zu beurteilen. Falsch ist, Königshofer vorzuwerfen, er beschimpfe die katholische Kirche. Das wäre aus freidenkerischer Sicht egal. Er diffamiert Homosexuelle und wirft sie in einen Topf mit Kinderschändern. Das ist menschenverachtend und abzulehnen. Und es richtet sich von selbst und bedarf keiner freidenkerischen Kommentare.
Schwieriger wird die Frage, ob sich die FPÖ über kirchliche Wortmeldungen beschweren darf. Bedenkt man die freiheitlichen Annäherungen der vergangenen Jahren, muss man sagen: Nein, sie darf nicht. Darf sich ein Kleriker in die Tagespolitik einmischen? Nein, sollte er auch nicht. Nur: In diesem Fall würde Schönborn von der FPÖ zu einer Stellungnahme herausgefordert. Das macht die Beurteilung nicht gerade einfacher.
Bumsti Strache hatte selbst Barbara Rosenkranz als Angebot für "christliche Wähler" bezeichnet. Ein offenkundiges Betteln um eine Wahlempfehlung von rechtskatholischen Kreisen. Eine Aufforderung an den Klerus, sich in die Tagespolitik einzumischen. Wenn die Einmischung anders ausfällt, als man gerne hätte, darf man sich weder wundern noch groß aufregen. Zumal weder Rosenkranz noch ihre Kinder Mitglieder der katholischen Kirche sind. Die letzten Reste der früheren antiklerikalen Bewegung der FPÖ. Da wundert sich nicht einmal ein Freidenker, dass ein katholischer Kardinal widerspricht. Wobei es legitim ist, nachzudenken, ob Schönborn sich auch zu Wort gemeldet hätte, wenn Rosenkranz so katholisch wäre wie Strache glauben machen wollte.
Die Geister, die sie riefen
Die FPÖ ruft seit Jahren die klerikalen Geister an. Sei es, dass man "Abendland in Christenhand" plakatiert, sei es, dass Strache den Katholizismus zur patriotischen Pflicht und zur einzig möglichen Abwehr gegen eine imaginierte Türkenbelagerung hochstilisiert, das Kreuz in der Hand wie der Schutzpatron des Austrofaschismus, Marco d'Aviagno.
Dass Kreuze in Schulklassen und der Religionsunterricht geschützt werden, versteht sich von selbst. Bei solchen Gelegenheiten ruft man auch gerne nach der Unterstützung der Kirche. Zwischen katholischem und freiheitlichem Vokabular liegen da bestenfalls Nuancen. Da will man sogar Leute strafen, die Kreuze nicht anbeten wollen. Da will man auch mal den Atheisten den Mund verbieten, wenn sie öffentlich sagen wollen, dass es Gott nicht gibt. Auch in der Abtreibungsfrage biedert sich die FPÖ an die katholische Kirche an.
Sehr ernst nimmt es die FPÖ nicht mit der Trennung von Staat und Kirche. Und verletzt die Kirche mal ihrerseits die Trennlinie, schreit man "Haltet den Dieb". Die FPÖ muss selbst schauen, wie sie die Geister des Klerikalismus los wird, die sie gerufen hat. Ein kleiner Tipp: Sie könnte sich am Kampf gegen kirchliche Privilegien wie Steuerbefreiung beteiligen, gegen religiöse Symbole in öffentlichen Räumen auftreten und mithelfen, den konfessionellen Religionsunterricht abzuschaffen. Das geht natürlich nur, wenn sie auf ihren vagen Kulturbegriff verzichtet, der die Religion zur Essenz allen Seins erklärt. Übrigens durchaus in Einklang mit der katholischen Kirche. Sonst ist die FPÖ als laizistische Partei in etwa so glaubwürdig wie Barbara Rosenkranz als Vorkämpferin gegen den Neonazismus.
