2010

Evangelikale sehen Haiti-Katastrophe als Teufelswerk

Pat Robertson

Eine Million Obdachloser, bis zu zweihunderttausend Tote. Ein Land in Trümmern. Irgendwo dazwischen internationale Hilfskräfte, die versuchen, Menschen das Überleben zu ermöglichen. Haiti zwei Wochen nach der Erdbebenkatastrophe.

Selber schuld, sagt der US-Televangelist Pat Robertson. Die Haitianer zahlen aus seiner Sicht den Preis für ihre Unabhängigkeit von Frankreich nach einem Sklavenaufstand 1804. "Das Land ist verflucht, seitdem es einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist", analysiert Robertson in seiner Fernsehshow, wie CBS und die deutsche "Junge Welt" berichten.

"OK. Abgemacht", sagte der Teufel

"They were under the heel of the French, you know Napoleon the third and whatever. And they got together and swore a pact to the devil. They said 'We will serve you if you will get us free from the prince.' True story. And so the devil said, 'Ok it’s a deal.' And they kicked the French out. The Haitians revolted and got something themselves free. But ever since they have been cursed by one thing after another." (Sie wurden von den Franzosen unterdrückt, Ihr wisst, Napoleon III. oder so. Dann sind sie zusammengekommen und haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Sie sagten: Wir dienen Dir, wenn du uns vom Fürsten befreist. Wahre Geschichte. Der Teufel hat gesagt: OK. Abgemacht. Und sie haben die Franzosen rausgeworfen. Die Haitianer haben revoltiert und haben sich mehr oder weniger befreit. Aber seitdem sind sie verflucht. Robertsons betont ländliches Idiom macht eine genauere Übersetzung unmöglich.)

Robertson offenbar hier nicht nur seinen Mangel an Geschichtskenntnissen (1804 war Napoleon Bonaparte französischer Kaiser, Napoleon III kam ein halbes Jahrhundert später), der christliche Fundi zeigt sich auch als Rassist. Wie sonst wenn nicht mit überirdischer Hilfe hätten ein paar bloßfüßige Neger eine zivilisierte Nation, die nur zu ihrem Besten da war, rauswerfen können (man verzeihe die sprachliche Überzeichnung). Und weil es nur ein paar Schwarze waren, half ihnen nur der Teufel. Die USA hingegen erreichten ihre Unabhängigkeit mit Gottes Hilfe. Waren es doch Weiße, die rebellierten. Und wie christliche Fundis in den USA so denken, wirkt die Sache in ihren Augen bis heute fort. Jeder Schnupfen, den sich ein Haitianer einfängt, beweist den Teufelspakt.

Ich kann mich erinnern, wie in einer Bibelschule in Kentucky ein Baptistenprediger den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern so rechtfertigte: "Abraham hat seinen ersten Sohn Ismael, den er mit Hagar hatte, hinausgeworfen, als seine Frau Sarah Jakob auf die Welt brachte. Seitdem müssen sich die Nachfahren der beiden bekriegen, das ist Gottes Wille. Die Palästinenser stammen von Ismael ab, die Juden von Jakob. Deswegen wird dort nie Frieden herrschen."

US-Fundis nützen Katastrophe aus

Robertson, der sich in der Vergangenheit wiederholt als Rechtsaußen hervorgetan hatte, ist nicht der einzige US-Evangelikale, der die Katastrophe für sich zu instrumentalisieren versucht. Die Gruppe "Faith Comes By Hearing" hat als Soforthilfe 600 solarbetriebene Audio-Bibeln ins Katastrophengebiet geschickt. Offenbar ist man der Meinung, Haitianer bräuchten am dringesten Gottes Wort, oder was man dafür hält.

Meldungen wie diese wirken nicht beruhigend auf jene, die fürchten, dass Haiti in den nächsten Jahren de facto zur US-Kolonie werden könnte. Die USA würden ihre Truppen, die den internationalen Hilfseinsatz sichern und das Land stabilisieren sollen, nicht so schnell abziehen, sagt etwa der venezuelanische Präsident Hugo Chavez. Es wäre nicht das erste Mal, dass die USA einen Militäreinsatz mit einem göttlichen Auftrag gerechtfertigt hätten. Robertson und Co bereiten für eine solche Argumentation den Boden auf. Allerdings ist der Präsident diesmal keiner von ihnen. Wie sehr er der politischen Dynamik, die der Hilfseinsatz bringen kann, entkommen kann, ist eine andere Frage.

Christoph Baumgarten

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