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Religionskritik

 

Kirchenfinanzen

Einen ausführlichen Überblick über dieses Thema bietet folgender Link:

http://www.freie-christen.com/reichtum_der_kirche_ist_blutgeld.html

 

Aus „der STANDARD“ 05. Februar 2012 17:57 :graz 05042012

Wie der Staat die Kirche finanziert

 

3 Milliarden Euro kolportiert

 

Es sind mehr als nur ein paar Zehn-Euro-Scheine, die der Staat und seine Bürger pro Jahr an die Kirche überweisen - vermutlich mehrere Milliarden. Wie viel genau, das weiß freilich niemand.

Wie viel die katholische Kirche in Österreich pro Jahr vom Staat kassiert und welches Vermögen sie besitzt, wissen die Kirchenvertreter oft selbst nicht

Wien - 15 Milliarden Euro erhalten Deutschlands Kirchen pro Jahr an staatlichen Subventionen. Dazu kommen etwa neun Milliarden an Kirchenbeiträgen und etwa 50 Milliarden für kirchliche Sozialeinrichtungen wie Caritas.

Die Zahlen sind unvollständig, was an dem schwer zugänglichen Material liegt. Doch es gibt Anhaltspunkte. Wer sich in Österreich über Kirchenfinanzen informieren möchte, tappt weitgehend im Dunkeln. Geht man davon aus, dass der Anteil der Gläubigen in Österreich und Deutschland etwa gleich hoch ist, dann müssten es - umgerechnet auf die Bevölkerung hierzulande - etwa 1,5 Milliarden Euro an Subventionen pro Jahr sein, und noch fünf Milliarden für soziale Einrichtungen. Dazu kommen die Kirchenbeiträge und das Grundvermögen der Kirche.

Foto: Andreas Schober / Freidenkerbund


Zahlen zu ihren finanziellen Verhältnissen sind von der katholischen Kirche nur bruchstückhaft zu bekommen. Auch untereinander kenne man die Vermögensverhältnisse nicht, heißt es aus der Erzdiözese Wien. Das liegt an den Strukturen: Eine Abtei etwa ist unabhängig von der Diözese, mit eigenem Vermögen. Die Kirche sei kein eigener Rechtskörper. So verfügen etwa die Stifte über Güter, Immobilien und Kunstschätze. Stift Klosterneuburg etwa vermietet 700 Häuser und Wohnungen mit einen Jahresumsatz von 25 Millionen Euro.

 

Das Gesamtvermögen der katholischen Kirche in Österreich zu beziffern ist nicht nur wegen der Zersplitterung unmöglich. Ein dichtes Netz an Beteiligungen und Grundbesitz zieht sich durch das Land. Die Initiative gegen Kirchenprivilegien hat versucht, die finanziellen Grundpfeiler der Kirchen aufzulisten:

Steuerprivilegien Die Kirche ist vom Stiftungs- und Fondsgesetz ausgenommen. Es gibt eine Grundsteuerbefreiung für Gebäude, die etwa für Gottesdienste genutzt werden können. Steuerentgang: 53 Millionen pro Jahr. Kirchensteuer und kirchliche Spenden sind steuerlich absetzbar. Steuerentgang: 124 Millionen.

Kindergärten und Schulen Gehälter von Religionslehrern zahlt der Staat. Kirchen haben das Recht, konfessionelle Privatschulen zu betreiben. Es gibt etwa 335 katholische und 30 evangelische Schulen, deren Lehrergehälter und Erhaltungskosten der Staat zahlt. Die Initiative gegen Kirchenprivilegien beziffert die Kosten für den gesamten Bildungsbereich mit 912 Millionen.

 

Grundbesitz Diözesen und Orden besitzen rund eine Viertelmillion Hektar an Grund und Boden. Dafür kassiert die Kirche indirekt Steuergeld - nach letzten Zahlen 2009 über vier Millionen an EU-Agrarsubventionen. Der kirchliche Waldbesitz liegt bei etwa 121.400 Hektar; exklusive Forstbetriebe unter 500 Hektar. Mit diesen würde sich die Zahl um 50 Prozent erhöhen, behauptet die Initiative: Bei einem Verkehrswert von einem Euro pro Quadratmeter ergeben sich 1,8 Milliarden Euro.

Medien Der ORF hat laut Vertrag Religionssendungen auszustrahlen. Die Initiative gegen Kirchenprivilegien hat berechnet, dass die gesendeten Minuten einem Wert von über 112 Millionen entsprächen. Das Niederösterreichische Pressehaus gehört zu 54 Prozent der Diözese St. Pölten. Der Katholische Medienverein hält Anteile an der Styria Medien AG, die etwa Presse, Kleine Zeitung oder Wirtschaftsblatt verlegt.

Beteiligungen Die katholische Kirche hält 85 Prozent der Bank Schelhammer & Schattera. Die wiederum ist mit 5,31 Prozent an der Casinos Austria AG beteiligt.

Entschädigung Der Vermögensvertrag, der 1960 abgeschlossen wurde, regelt Entschädigungszahlungen an die katholische Kirche für Beschlagnahmungen durch das Naziregime: 44 Millionen unbefristet und jährlich.

 

"Insgesamt genießt die Kirche Steuerbegünstigungen und Subventionen in Höhe von zwei Milliarden Euro pro Jahr", sagt Niko Alm von der Initiative gegen Kirchenprivilegien, die ein Volksbegehren in Vorbereitung hat. Nicht miteinberechnet sind Spitäler und der Gesundheitsbereich. Die Initiative schätzt, dass der gesamte Bereich der Kirche insgesamt drei Milliarden Euro an direkten oder indirekten Förderungen erhält.

Das sei "mit Sicherheit zu hoch", sagt Michael Prüller, Sprecher der Diözese Wien. Die Kirche habe zwar keine eigenen Schätzungen, aber diese Summe sei auf jeden Fall zu hoch gegriffen. (Saskia Jungnikl, DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012)

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Interview mit Kirchenkritiker Carsten Frerk, einem ausgewiesenen Experten zum Thema Kirchenfinanzen, Autor des "Violettbuch Kirchenfinanzen"

"Kirche nimmt den Staat in die Zange"

05. Februar 2012 17:57

 

Die Kirche sei ein Staat im Staat mit einzigartigem Recht, sagt der deutsche Kirchenkritiker Carsten Frerk - Wie viel Vermögen die Kirche besitzt, lässt sich kaum berechnen

 

Standard: Der Staat zahlt jährlich Millionen an Förderungen für die Kirche. Warum?

Frerk: Weil es nicht gelungen ist, nach 1919 die Kirche zu demokratisieren. Viel von dem, was wir heute im Staat-Kirche-Gefüge haben, sind Überbleibsel aus alten Zeiten. Ich habe vor kurzem ein wunderbares Bild gesehen: Präsident Heinz Fischer in der Mitte, umringt von Bischöfen, beinahe alle größer als er - die Kirche, die den Staat in die Zange nimmt.

Standard: Wie kann es sein, dass der Staat zwar an Kirchen zahlt, aber kein Einblicksrecht hat?

Frerk: Die Kirche ist ein Staat im Staat mit einzigartigem Recht. Als sie aus dem Staatsgebilde herausgelöst wurde, mussten etwa Bischöfe weiter bezahlt werden. Der Staat hat eingewilligt, die Zahlungen eine Zeit lang weiterlaufen zu lassen. Diese Übergangslösung haben wir jetzt über 90 Jahre.

Standard: Gut verhandelt.

Frerk: Absolut. Es gab in Deutschland einmal den Willen, das Gesetz zu überarbeiten, um die Staatsleistungen zu beenden. Dann kam die Hyperinflation, alles ging drunter und drüber. Seit 1923 ist das Thema nie wieder verhandelt worden. Und nun meinen die Kirchen, eine Bestandsgarantie über das Gewohnheitsrecht zu haben.

Standard: Es wird sich nie ändern?

Frerk: Da tut sich schon etwas. Der Papst-Besuch in Deutschland war etwa ein Signal in dieser Frage. Als bei seiner Rede im Bundestag hundert Abgeordnete den Saal verlassen haben - das wäre vor einem Jahr nie passiert. Hundert Leute sind rund 15 Prozent der Abgeordneten! Um die Zahlungen überprüfen zu lassen, bräuchte es ein Drittel der Abgeordneten.

Standard: Wieso bezahlt der Staat Aufgaben der Kirche?

Frerk: Man muss das anders sehen. Wo liegt die Glaubwürdigkeit der Kirche, dass das, was sie predigt, stimmt? In ihrer karitativen Tätigkeit! Damit wollen sie beweisen, dass das Konzept der Nächstenliebe tatsächlich gelebt wird. Der Staat hat es der Kirche überlassen, mit Armenhäusern und Krankenhäusern und so weiter.

Standard: Aber finanzieren tut sie der Staat?

Frerk: Ja. Die kirchlichen Anteile liegen in Deutschland und in Österreich bei Caritas und Diakonie unter zwei Prozent.

Standard: Dann würde der Staat die Kirchen nicht brauchen, um diese sozialen Einrichtungen zu erhalten?

Frerk: Nein. Es gibt diese Entwicklung von der Heilskirche zu einer Sozialkirche. Wir sind die Nächstenliebe, sagt die Kirche. Dementsprechend braucht sie solche Einrichtungen. Denn es ist ein Doppelpaket, das sie anbietet: fachliche Leistung einerseits und missionarisch-spirituelle Begleitung auf der anderen Seite. Aber wenn es schon 50:50 ist, dann muss die Kirche auch die Hälfte zahlen. Ich wäre dafür, dass das wenigstens ausgeschildert wird. Wenn an jedem Kindergarten, an jeder sozialen Einrichtung ein Schild wäre, das klarstellt, wer es finanziert.

Standard: In Österreich wird ein Sparpaket geschnürt. Könnte man die Kirche in die Pflicht nehmen?

Frerk: Kirchen sind die heiligen Kühe in unserem Kulturkreis. Meine These ist, egal wie sehr das Ansehen der Kirche sinkt: Ihre Macht, auch in den Medien, ist so stark, dass sie drei bis fünf Prozent Wähler bewegen kann. Das ist für die Großparteien ein möglicher Verlust der Regierungsmehrheit.

Standard: Weiß man, wie viel die Kirche ungefähr besitzt?

Frerk: In Deutschland sind in der katholischen Kirche gut 50 Milliarden Euro Kapitalvermögen. In weiteren Bereichen wie Immobilien noch einmal rund 200 Milliarden Euro. In Österreich ist das viel komplizierter. Hier gibt es die starke Position der Orden, die ein Wirtschaftsfaktor sind etwa als Großgrundbesitzer mit Elektrizitätswerk, Weinbergen. Da gibt es 15 Mönche, und den Rest machen kluge weltliche Manager. Und alles ist steuerfrei! Die Kirche ist in beinahe allen wirtschaftlichen Bereichen zu Hause, außer Bestattungen und Bordelle. Egal ob ein Orden oder der bischöfliche Stuhl: Kirchliches Vermögen ist ein einheitliches Vermögen aufgrund gemeinsamer Zielsetzung. Und sie ist da sehr klug vernetzt. Die Kirche weiß, dass sie in der Kommunikation einer Gesellschaft präsent bleiben muss. Auf das Private begrenzt zu werden fürchtet sie wie der Teufel das Weihwasser.

Standard: Ist dieses Vernetztsein denn das eigentliche Vermögen der Kirchen?

Frerk: Ja, sie erscheint als ein selbstloser Brückenbauer und ist dadurch angesehener. Denn anscheinend bemerkt niemand, wie dann die konservativen Politiker und die Wirtschaftsunternehmen durch die geöffneten Tore gehen können. (Saskia Jungnikl, DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2012, Langfassung)

Carsten Frerk (66) ist deutscher Politologe und Autor. Er gilt als einer der bekanntesten Kirchen- und Religionskritiker. Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen die finanziellen Verflechtungen von Staat und Amtskirchen in Deutschland. 2010 veröffentlichte er das "Violettbuch Kirchenfinanzen". Er hat angekündigt, eine Österreich-Ausgabe gemeinsam mit der Initiative gegen Kirchenprivilegien zu schreiben.

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