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Humanistische Gemeinschaft

Jänner 1918 – ein “Freidenker”-Artikel

Für das geschichtsträchtige Jahr 2018 möchten wir auch der Freidenker im Jahr 1918 „gedenken“. Grundlage dafür ist ein Forschungsprojekt zur Geschichte der österreichischen Freidenker, das nach Abschluss als Buch erscheinen soll. Die monatlichen Beiträge werden jeweils Artikel, Nachrichten und Meldungen im Original aus der seit 1896 regelmäßig erschienenen Zeitschrift „Der Freidenker“ sein, die auch heute noch für die Freidenker von Bedeutung sein könnten/sollten. Wie viele solcher Beiträge möglich sein werden, hängt davon ab, wie regelmäßig und wie vollständig „Der Freidenker“ erscheinen konnte, da finanzielle Probleme und Pressezensur während der Kriegsjahre das Erscheinen immer wieder erschwerten.

So erschien auch die Jänner-Ausgabe 1918 mit einer fast leeren Seite. Auf Seite 6 erschien jedoch in der Rubrik „Aus der Zeit“ ein unzensurierter Bericht über eine Freidenkerversammlung, der hier auch zur Gänze zu lesen ist:

 

Friedensversammlung der Wiener Freidenker. Die stets rührige Ortsgruppe XVI der Freidenker Niederösterreichs hatte für den 18. Dezember eine Friedensversammlung veranstaltet, die einen sehr guten Besuch aufwies. Nach den einleitenden Worten erteilte der Vorsitzende, Genosse Haller, dem ersten Referenten Gesinnungsfreund Lehrer Carraro das Wort, der in kurzen aber trefflichen Worten auf die ungeheuerlichen Wiedersprüche [Original], welche zwischen den Lehren des Christentums und dem Weltkriege und seinen Greueln klaffen, hinwies.

Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen Carraros sprach hierauf Redakteur Bernhard über „Krieg und freier Gedanke“. Er verwies vor allem auf die furchtbare Vergewaltigung, welche allen Völkern durch die Drahtzieher des internationalen Kapitals mit diesem Kriege auferlegt worden ist. So entsetzlich war diese Verwirrung und die durch sie hervorgerufenen Kriegspsychose, daß selbst die Internationale ihr zum großen Teil zum Opfer fiel und sich nationalistisch spaltete und bekämpfte. Sofort drängte sich der Klerikalismus vor und pries seine dunklen
Heilmittelchen an. Aber der vielberühmte Seelenaufschwung verwandelte sich in einen fürchterlichen Ausbruch rohester Habsucht und unverhülltesten Wuchergeistes. Die Klerikalen habe aber auch sonst Schiffbruch erlitten. Der Papst konnte auch bei den frommen katholischen Mächten nicht mit seinen Friedensaufrufen durchdringen und man sah, daß der Einfluß des Papsttumes auf die Weltpolitik vollkommen belanglos ist. Trotzdem müssen die Freidenker jetzt erst recht für den kommenden Geisterkampf rüsten, denn die Klerikalen wittern gerade in Oesterreich [Original] die Zeit für sich günstig, weil der Jesuitismus wieder an gewissen Stellen sehr einflußreich wird. Wir müssen aber die Welt aus dem dunklen Kuttenturm der Vergangenheit befreien, müssen vor allem die Jugend geistig frei machen, wenn wir nicht wollen, daß wieder in absehbarer Zeit ein nicht furchtbarerer Krieg die Erde verwüste. Vereint mit den Freidenkern aller Zungen müssen wir überall die Konfessionenmacht und den Nationalismus niederwerfen, damit nie mehr wahnsinnige Verbrecher diese Erde mit solchen Kriegen wie der jetzige überziehen können.

Die temperamentvollen Worte des Redners wurden mit lautem Beifall aufgenommen. Zum Schlusse richtete Genosse Haller an die Anwesenden den Appell, für die Sache des freien Gedankens überall zu werben, damit wir eine große und mächtige Organisation zum Schutze der Gedankenfreiheit bilden können.

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